Ich sitze vor dem geöffneten Fenster und blicke hinaus auf das düster-dunkle Grau der Regenwolken, die vorüberziehen.
Es ist still. Zwar fahren zahlreiche Autos die Straße entlang, mein Nachbar unterhält sich mit den Passanten, die den Weg vor seinem Hausgarten entlang laufen. Wie aufdringlich, denke ich mir, und schon erwische ich mich wieder dabei, wie ich ihn verurteile, obwohl ich ihn gar nicht kenne.

Und ich lausche dem geräuschlosen Klang der vorbeiziehenden Wolken, die sich zu einer undurchdringlichen Mauer geformt haben, welche keinen Blick für den kühl-blauen Himmel übrig lässt. Ist er überhaupt noch blau, oder vielleicht blutrot wie bei einem Sonnenuntergang am Meer?

Es zieht eine Karawane an Old-School-Autos vorbei. Wahrscheinlich Baujahr 2005 oder so, aber für mich ist das alles schon Old-School. Sie feiern auch kein Hupkonzert, wahrscheinlich kennen sich die Autofahrer auch gar nicht, aber in meinen Augen sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft, eine Familie, ein Freundeskreis, undurchdringbar und nicht reversibel wie Mehl und Butter bei einem Kuchenteig.

Dann schweift mein Blick wieder ab und ich schaue geradewegs gegen eine Mauer. Sie ist komplett nackt. Naja, verputzt und beige-gelb angemalt, aber die Farbe blättert schon ab und das blanke Ziegelgestein schaut an manchen Stellen hervor. Mir fällt auf, dass es eigentlich noch nie anders aussah und ich lege fest, dass das Gebäude wahrscheinlich schon so zerklüftet gebaut worden war.

Vor dieser tristen Mauer steht ein ziemlich großer Strauch. Ich glaube, dass ich ihn eigentlich noch nie zuvor gesehen habe, dabei ist er wirklich ganz schön groß, ich wohne in der Etage über dem Erdgeschoss und er ist mir auf Augenhöhe, aber ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Er ist komplett grün, sogar seine Blütenknospen, ich finde ihn ausgesprochen hässlich und bin gar nicht mehr besorgt, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen habe, sogar ziemlich froh, denn er ist schließlich so hässlich.

Jetzt fängt es an zu regnen und schließe das Fenster, weil es sonst hinein regnet, und ich erschrecke. Denn da im Fenster ist eine Silhouette, eine einzelne, und ich erkenne nicht was es ist, oder wer.
Da sind Linien, die etwas rundes skizzieren, aber es ist auch etwas kantig, und ganz oben recht zerklüftet. Alles hat die gleiche Tönung und den selben Kontrast, mittig rechts sitzt ein kleiner Spiegelpunkt. Aber ich kann nicht deuten, was es ist, aber ich gebe mir wirklich Mühe!

Ich fühle mich komisch und vergrabe mich unter meine Bettdecke. Hier ist es dunkel und ich muss nichts sehen. Dann höre ich ein seichtes Plätschern vor dem Fenster. Es regnet noch immer und ich habe vergessen es ganz zu schließen. Aber ich trau‘ mich nicht unter meiner Decke hervor, um es zu zu machen, also warte ich und hoffe, dass es aufhört zu regnen, aber es hört nicht auf, und während ich warte und hoffe füllt sich der ganze Raum immer weiter mit Wasser, aber ich bekomme davon nichts so richtig mit unter meiner Decke. Denn hier fühle ich mich sicher und behütet und im Trockenen.

Und während ich warte unter meiner Decke und hoffe, dass es endlich aufhört, denke ich mir eine Geschichte aus um mich abzulenken:

Ich trage marineblauen Nagellack und eine hellblonde Perücke. Mein ganzer Körper ist bedeckt von
schwarzem Satin, welches die Knöchel ausspart und besonders meine Hüften betont. Aber ich fühle
mich trotzdem so nackt und verletzlich, also ziehe ich einen Wollpullover über und es geht mir nicht
besser.

Aber ich bin immer noch in meinem Zimmer und unter meiner Decke, denn ich kann hieraus nicht entkommen. Also schlage ich die Decke auf um mich dem Schicksal des Ertrinkens hinzugeben, aber da ist gar kein Wasser in meinem Zimmer und es regnet auch gar nicht mehr. Ich hatte auch das Fenster richtig geschlossen und die Fensterbank blieb trocken ohne einen einzelnen Tropfen darauf.

Nun sitze ich also wieder vor dem Fenster und starre hinaus. Dieses Mal aber gedankenleer. Ich nehme mir aus einer Kiste ganz oben auf dem Schrank eine blonde Perücke heraus, die ich einst zu einem Faschingskostüm trug, und setze sie auf. Aus dem Kleiderzimmer meiner Schwester nehme ich mir ein satinweiches, schwarzes Leinentuch und binde es um meinen nackten Körper. Dann nehme ich mir den Nagellack von ihrem Schminkschrank, er ist aber azurblau und ich überlege, ob ich ihn wirklich auftragen soll, weil azurblau einem jungen Mann nicht so gut steht wie marineblau. Aber ich trage ihn auf und setze mich wieder vor das Fenster. Doch ich schaue nicht mehr heraus auf meinen Nachbarn, die Straße, die Hauswand oder diesen riesigen Busch, sondern ganz tief und unverhofft in mich hinein.

© P. Haupt, 2018

 

Ein Blick aus dem Fenster
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