Lebenstrauma

Die Mutter hat sie früh verloren,
Da war sie Zwei, als das passierte,
Nicht richtig war sie da geboren,
Als sie den Urverlust verspürte.

Die Mutter, zur Treppe gefallen,
War tot unten liegen geblieben.
Das musste sie sich stets ausmalen,
Das hinderte sie auch ganz zu lieben.

Der Vater war ihr hilfreich schon,
Doch fehlte ihr die Mutter immer.
Sie war verschlossen, hatt‘ den Sohn
Und mit den Jahren wurd‘ es schlimmer.

Den Mann bekochte sie sehr gut,
Der Sohn zog nach Amerika:
Zum Skypen fasste sie sich Mut,
Dann war ein wenig Liebe da.

Sie fragte heimlich im Gemüt:
Wie hätte Mutter jetzt gesprochen,
Wie wäre sie denn heut‘ bemüht,
Wenn sie nicht in ihr Grab gekrochen?

Immer ist sie rückwärts gegangen,
Wenn sie in ihren Keller lief.
Der Sturz hat die Seele gefangen,
Mitunter sie des Nachts schlecht schlief.

Sie musste nach der Mutter fragen,
Wie die gehandelt und gedacht,
Wenn in den späten, schweren Tagen
Sie öfters um den Schlaf gebracht.

Da gibt es schon die Schicksalsschläge,
Die man niemals verdrängen kann.
Und trotz der schönen Lebenswege
Hilft da auch nicht der liebste Mann.

Wo man ein Trauma nicht verdrängt,
Das Außenstehende nicht sehen,
Bleibt auch die Seele eingeengt,
Untröstlich muss es weitergehen.

©Hans Hartmut Karg
2019

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