Weiß. So rein wie die pure Unschuld. Ein völliges Gleichnis zwischen der übrigen Welt und mir. Das bin ich: eine weiße Rose.

Immerzu erbarmt sich mir das Gefühl, dass ich zum Vertrocknen auserwählt wurde. Ich liege auf dem blanken, kalten, mit gröbster Mühe gefliesten Tresen eines schäbigen Blumenladens. Verkauft wird hier aber eigentlich alles mögliche; Bier, Zigaretten, fauliges Obst und Gemüse, naja, und ein paar Blumen.

Im Sortiment dieses Hinterhofgeschäfts, welches dafür wirbt der zutiefst erschütterten Menschenseele mit
buntfarbigen Blumen eine wegweisende Richtung ins pure Lebensglück zu geben,
womit es eigentlich nicht wirbt,
aber das ist schließlich die Marketingstrategie hinter dieser weit unterschätzten Floristen-Mafia,
gibt es grundprinzipiell eigentlich auch nur drei verschiedene Blumensorten: Petunien, Chrysanthemen und Rosen. Von letzterem werden eigentlich nur rot oder rosé-gefärbte Exemplare angeliefert, aber ich steckte aus Versehen in einem Bündel dieser Rosen mit drinnen.

Die Besitzer dieses Ladens waren sich unklar wie sie mit mir umgehen sollen. Keine Ahnung wie so ein schrecklicher Fehler unterlaufen konnte, sagten sie. Man solle mich doch besser wieder zurückschicken, das wäre das beste, meinten sie. Eine einzelne Rose will doch niemand haben, zumal ganz besonders nicht so eine ausgesprochen hässliche, verdorrte und durstende wie mich.
Eigentlich hätte man mich auch entsorgen können, aber das wollte man nicht.

Unentschlossen, wie man mit dieser sonderbaren und irgendwie prekären Situation umgehen soll, ließ man mich vorerst auf dem Verkaufstresen liegen. Und genau dort wartete ich.

Es war zwar anfangs ziemlich traurig, denn ich erinnerte mich an meine anfänglichen Träume:
irgendwann, wenn ich groß und reif bin und meine Blüte ihre schöne, fast runde, aber leicht eckige, dennoch sehr zarte und weiche Form angenommen habe, genau dann werde ich von einer liebreizenden Großmutter aus ihrer Hinterhof-Kleinstadt-Privatgärtnerei gepflückt und ganz behutsam in frischem, prickelnden und kühlen Wasser konserviert. Denn genau das mag ich am liebsten!
Und dann, nach ungefähr einem Tag, er war nicht lang und ich habe ihn genossen und habe die Zeit nutzen können um all die Lebensfreude in mir zu einem großen Haufen aufzuballen, dann kommt ihr Enkelsohn zu Besuch vorbei und seine feucht-glänzenden Augen beäugen meine grazile Blüte.

Ich werde ihm geschenkt und begleite ihn auf seine Reise zurück nach Hause. Er hört sehr laut Musik im Radio, ich glaube es ist etwas zwischen Indie und Country Musik, und er singt lauthals mit, mit einem Grinsen, das fast sein Gesicht zu entzweien scheint. Bei ihm angekommen nimmt er mich behutsam vom Autositz und achtet darauf, dass ja kein Blütenblatt abknickt, und ich bin so unglaublich aufgeregt.
Er überrascht seine Frau in der Küche während dem Kochen, sie trägt eine Schürze mit kleinen weißen Rosen darauf, und ich bekomme eine extra große Karaffe mit frisch aufgesprudeltem Wasser nur für mich ganz alleine.
Ich bin das Zentrum des Wohnzimmertisches und irgendwie auch der Mittelpunkt dieser kleinen Familie, ich fühle mich als könne ich gar nicht welken, zumindest würde es mir nichts ausmachen, so lange ich hier bei ihnen bin.

Doch so ist es natürlich nicht gekommen, denn ich liege noch immer auf dem Tresen und warte vergeblich während ich vertrockne. Bei jedem läuten der Glocke, die ertönt, wenn sich die Ladentür öffnet oder schließt, schlägt mein Herz übersinnige Sinuswellen und ich freue mich auf meine Erlösung. Aber dann ist wieder nur irgendein Obdachloser, der sich ganz klassisch Zigaretten und Bier in einem Blumenladen kauft und dann genauso unscheinbar von der Bühne abtritt wie er auch schon auftrat.

Also warte ich weiter und gebe die Hoffnung fast schon auf, als des einen Abends kurz vor Ladenschluss mich der Ladenbesitzer auf seine Arbeitstasche legt und ich bin überglücklich, weil ich nun doch jemanden gefunden habe, der sich mir erbarmt, und ich fantasiere wie mein neues Zuhause aussehen könnte:

… werde ich in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung mich am frühmorgentlichen Sonnenlicht ergötzen?
… verziere ich in einem niedlich-minimalistisch-postmodernen Vorstadt-Alptraum-Einfamilienhaus die
kirschhölzerne Fensterbank?
… bin ich das kleine, beschaulich-dezente Schmuckstück in einem einsamen Zimmer eines abgelegenen
Winkelgassenhostels?

Alle möglichen Zukunftsvariationen, so unglaublich erschütterlich oder ungeheuer wahnsinnig sie auch sein mögen sagen sie mir allesamt zu und ich bin erleichtert einen Platz gefunden zu haben.

Er läuft von der Ladentür aus zu seinem Auto, schließt es auf und hält mich und trägt mich und behütet mich. Dann fällt ihm auf, dass er vergessen hat die Tür zu schließen und steigt noch einmal aus und nimmt mich mit.
Dann schließt er die Ladentür und ist bereit zurück zum Auto zu laufen und es fällt ihm auf, dass er mich noch in seiner warmen, wohlgesonnenen Hand hält. Und als ich beinahe den nächsten innerlichen Freudenschrei ausrufe bemerke ich wie ich langsam, aber gewollt aus seiner Hand gleite. Ich hoffe, dass er noch festhält und ich nicht tief, tief hinabstürze, aber vergebens, unaufhaltsam falle ich, mit meiner zartweißen und wunderschönen Blüte voraus.

Er steigt ins Auto und fährt weg. Der diesnächtliche Regenguss spülte mich willenlos die Straße hinunter und ich fiel hinab in die Kanalisation, mit meinen Träumen und Hoffnungen ganz nah bei mir, zwar ängstlich, aber dennoch für mein Schicksal gefasst.

© P.Haupt, 2018

Weiße Rose
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