Ein Schuss. Laute Schreie. Noch einer. Und ein dritter. Danach war es still, ganz still. Sie schaute vorsichtig zur verschlossenen Tür. Sie atmete gehetzt aus. War er weg? Schweißperlen bildeten sich auf Ihrer Stirn und sie zitterte. Sollte sie handeln oder einfach ganz still sitzen bleiben? Tausende Gedanken rannten durch ihren Kopf. Sie konnte nicht klar denken. Sie sah sich um. Ihre beste Freundin Maya sowie ein Lehrer und zwei andere, ihr nicht bekannte Schüler, kauerten vor ihr im Raum verteilt. Sie alle suchten Schutz. Schutz in einem Raum, der ihnen dies kaum geben konnte. Sie wollte den anderen etwas zuflüstern, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie bekam keinen Ton raus. Ihr Körper war starr und obwohl sie sich bewegen wollte, schien eine innere Kraft sie festzuhalten. Den anderen schien es genauso zu ergehen, denn sie rührten sich auch nicht. Ihre Gesichter waren von Panik gezeichnet, vor Angst verzerrt. Todesangst.
Es krachte. Ganz plötzlich. Wieder und wieder. Danach ein Schuss. Er war da, er versuchte die Tür zu öffnen. Kurze Stille. Noch ein Schuss. Klick. Das Schloss sprang auf. Ihre Panik wurde unerträglich. Er drückte die Klinge nach unten, langsam, ganz langsam. Als hätte er alle Zeit der Welt und wollte ihre Angst und seine Macht in vollen Zügen auskosten. Nun zog er die Tür auf. Quietschend öffnete sie sich. Dieses Geräusch war das schlimmste, woran sie sich jemals erinnerte. Ihre Ohren schienen zu zerspringen. Es war unerträglich, sie nahm alles in Zeitlupe wahr. Sie war wie in Trance. Sein Gewicht und sein Gang hinterließen bei jedem Schritt einen dumpfen Ton. Er ging Schritt für Schritt in den Raum hinein. Dann blieb er stehen. Klack, klack.
Er hatte seine Waffe nachgeladen. Dann machte er noch einen Schritt. Sie musste etwas tun, das wusste sie. Doch sie konnte es nicht. Sie wusste, dass sie sterben würde. Vielleicht hatte sie noch Sekunden. Minuten. Sie drehte langsam ihren Kopf und blickte in seine Richtung. Er richtete die Waffe auf ihren Lehrer. Dieser wimmerte und flehte ihn an, nicht zu schießen. Er lachte nur. Das bösartigste und unmenschlichste Lachen, dass sie je vernommen hatte. Dann drückte er ab. Kalt und ohne jegliche Emotionen. Ihr Lehrer fiel einfach um, wie ein nasser Sack. Er stöhnte noch einmal auf und blieb dann reglos liegen. Sie schloss die Augen. Und wartete ab. Noch ein Schuss ertönte. Es war ohren-betäubend laut. Jemand röchelte. Sie konnte nicht sagen, wer es war, aber es war einer der anderen Schüler, dessen Namen sie nicht kannte. Sie presste die Hand vor den Mund, um nicht zu schreien. Der andere Schüler keuchte und fing an zu weinen. Sie hörte erneut einen Schuss. Sie spähte um die Ecke und sah, dass er dem Schüler direkt in den Kopf geschossen hatte. Dunkelrote Blut floss aus der Wunde und bildete eine Lache auf dem Boden. Ihr wurde schlecht. Sie glaubte, sich übergeben zu müssen und würgte. Schritte kamen näher. Sie blickte ihre Freundin an. Nun war es also so weit. Sie hatte sich dem Tod noch nie so nah gefühlt. Adrenalin schoss durch ihren ganzen Körper. Auf einmal war da nur noch ein einziger Gedanke in ihrem Kopf, dieser Gedanke schien ihr regelrecht einen Befehl zu geben. Ohne nochmal nachzudenken, sprang sie auf. Sie war total überrascht von sich selbst. Sie schrie so laut sie nur konnte und er war kurz so perplex, dass er irritiert stehen blieb. Das nutzte sie aus und riss ihn zu Boden. Er fing sich jedoch schnell wieder und sie kämpften. Er rollte sich auf sie und begann sie zu würgen. Sein Gewicht schien sie zu erdrücken. Sie röchelte und versuchte sich aus dem harten Griff zu befreien. Es gelang ihr nicht. Der Schmerz und die Atemnot waren grauenhaft. Ihr wurde schwindelig und sie hörte ihr pochendes Blut, welches durch ihre Adern schoss. Er griff nach seinem Messer, welches zuvor beim kämpften durch den Raum geschleudert wurde. Sie schloss die Augen und wartete ab. Sie kämpfte nicht mehr gegen ihn an. In diesem Moment war sie wie im Traum. Der Schmerz war nur noch nebensächlich. Alles verschwamm und ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Eine Erinnerung holte sie plötzlich ein. Es war das erste Mal, dass sie Maya getroffen hatte, bei ihr zu Hause im Garten. Sie redeten stundenlang miteinander und erzählten sich alles, was ihnen in den Sinn kam. Obwohl sie sich damals noch kaum kannten, waren sie so vertraut. Diese Stunden waren für beide prägend. Maya und sie waren seit diesem Tag unzertrennlich und teilten alles miteinander.
Sie hatte noch immer die Augen geschlossen. Eine warme Träne kullerte über ihre Wange und sie bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Auf einmal spürte sie einen stechenden Schmerz an ihrem Bauch. Und nochmal. Sie konnte nicht mehr atmen. Dann ertönte ein Schuss. Hatte er gerade auf sie geschossen? Sie konnte es nicht sagen. Also öffnete sie die Augen und sah Maya, die mit seiner Waffe in der Hand über ihn gebeugt war. Ihre Hände mit Blut verschmiert und am ganzen Körper zitternd. Er klappte zu Seite und schlug dumpf auf dem Boden auf. Es war vorbei. Er war tot. Maya kniete neben ihr nieder und fing an zu weinen. Sie hielt ihre Hand und redete auf sie ein. Sie begriff nicht, was geschah. Sie wollte sich erheben, doch es ging nicht. Der Schmerz hielt sie am Boden. Sie griff mit der Hand an ihren Bauch. Sie fühlte eine warme Flüssigkeit. Als sie den Kopf drehte, sah sie, dass ihre Hand blutgetränkt war und sich neben ihr eine dunkelrote Pfütze gebildet hatte. Maya schrie jetzt nur noch hysterisch, aber ihre Worte drangen nicht zu ihr durch. Sie sah, wie Maya sich anstrengte, doch sie war wie in einer anderen Welt. Sie schaute aus dem Fenster, der blaue Himmel war bedeckt von eine paar Wolken und die Sonne glitzerte, es war magisch. Sie fühlte plötzlich einen Sog, der sie in Richtung Himmel zog. Dann war es ganz still, sie wandte langsam ihren Blick und schaute Maya noch einmal direkt an. Sogar ihr tränenüberströmtes Gesicht war wunderschön. Sie fühlte sich plötzlich federleicht. Sie öffnete den Mund und flüsterte „Danke.“

Danach schloss sie die Augen.

 

Danke
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