Es ist genau 23:42 Uhr und ich sitze in meinem Peugeot auf dem kunstledern bezogenen Sitz und blicke aus der Frontscheibe. Vor mir ist das Stadtkino und eine wartende Schlange an blutdürstigen Menschen, ähnlich wie Haie, die um zerfetzte Tiereingeweide in einem Stahlkäfig umherschwimmen.
Der Grund des Aufruhrs: die neueste Blockbuster-Verfilmung über uralte Triebe des Menschen versetzt mit „special effects“, dreistündigem Technomusik-Orchester und zähen Werbepausen. Also doch genau das, was wir alle lieben!

Warum ich dann dort überhaupt hingehe? Darüber habe ich noch nie nachgedacht, und ich werde auch nie, weil die Antwort darauf wahrscheinlich so unbefriedigend sein wird wie diese Neuvorstellung heute Nacht.

Also sitze ich da und warte darauf, dass mein unabänderliches Schicksal mich einholt,
dass ich aussteige, mich anstelle hinter hohlen Teenagerpärchen, Möchtegern-Filmkritikern und untreuen Familien, die allesamt vor Glück und Freude beinahe zerplatzen,
dass ich sinnlos meine Zeit verwarte, das wohl kostbarste Gut in dieser Welt, und diesen dämlichen Film anschaue, und das alles obwohl ich eigentlich gar keine Actionfilme mag.

Und während ich warte werde ich die ganze Zeit angestrahlt von billigen, rubinrot leuchtenden Neonschildern gegenüber vom Kino. Ein 24-Stunden-Cafe wird dort ausgewiesen, rund um die Uhr abgestandener Kaffee, in vergammelten Fett dreifach frittierte Bagels und Tiefkühltorte der billigsten Firma, ein echtes Paradies also
– wenn man es mit diesem „spannenden“ Kinofilm vergleicht.

Während ich allmählich in der Schlange zum Schalter voran komme – man vergleiche es mit einem Großstadt-Supermarkt, ein Tag vor Weihnachten, bei dem nur eine Kasse geöffnet ist – überlege ich mir schon, was ich mir in dem abgestandenen Kaffeeausschank alles bestellen werde, denn ich weiß jetzt schon ganz genau, dass ich heute nicht den schlecht gepolsterten Kinositz mit meiner Anwesenheit beglücken werde.

Aber ich warte bis ich in der Schlange ganz vorne bin um mir Butterpopcorn, gesalzen, zu bestellen und danach verlasse ich diese eher weniger heiligen Hallen der Filmkunst.
Draußen fällt mir ein, dass ich eigentlich gar kein Popcorn mag und werfe es weg.

Dann geh‘ ich über die Straße zum Cafe hin und mitten auf der Straße fällt mir auf, dass diese ganz schön breit ist  und ich schneller laufen müsste, weil der Verkehr ganz schön rast, aber ich kann nicht, es ist als würden die Strahlen der roten Neonleuchten meine Beine lähmen. Aber ich komme unbeschadet an.

Bevor ich die Tür zum Lokal öffne reflektiere ich noch einmal meinen Speiseplan: mit Himbeermarmeladenfüllung gefüllte und mit Erdbeerglasur glasierte Donuts, ein riesiger Schoko-Chili-Milchshake mit Erdnusstopping und ein frisch aufgebrühter Espresso. Mit tropfenden Zähnen will ich bei der schlecht gelaunten Kellnerin mein individuell zusammengestelltes Menü bestellen, doch diese weist mich ab und sagt, dass sie zur Zeit nur noch Kaffee haben, also bestell ich einen, und als die genervte Billig-Aushilfskraft in der schäbigen Hinterzimmer-Küche verschwindet verlasse ich mit gesenktem Kopf das Lokal.

Weil ich mir den Weg über die Straße nicht mehr zutraue lege ich mich auf die Wiese hinter dem Gebäude des Cafes und beobachte den Himmel. Die Sterne blinzeln heute in einem mir bislang unbekannten Farbton, sie leuchten allesamt wie kleine Rubine. Also liege ich auf einer niedergemähten Wiese, ohne den wahrscheinlich größt gekürten Film aller Zeiten angeschaut zu haben und ohne eine Fressorgie voller Süßkram und Heißgetränke.

Es ist sehr trist, nicht so trist, dass ich in eine Depression oder dergleichen verfalle, sondern eher so, dass es gerade noch genug spannend ist um mich glücklich zu machen, also genau passend.

Und genau mit dem roten Funkeln der Rubine am Himmel und dem seichten Stechen der Grashalme unter meinem Rücken fallen mir die Augen zu.

….

Ich wache auf. Es ist wieder hell draußen, ich weiß nicht wie spät es ist und ich möchte es auch nicht wissen. Viel eher will ich diese Zufriedenheit konservieren, wie eine Mumie in einem ägyptischen Sarkophag, aber schon ist sie verflogen.

Also stehe ich auf und gehe über diese breite Straße, die angemerkt sogar ziemlich schmal ist, sodass kaum noch zwei Autos nebeneinander passen. Mit Leichtigkeit dieses Mal, es sind ja auch nur acht Meter Fußweg. Ich steige in meinen Peugeot und starte den Motor. Aber etwas ist anders…

  1. Ich habe mir fest vorgenommen jetzt nach Hause zu fahren, denn bald beginnt die Schule, aber ich kann nicht. Es ist als wäre ich eingefroren, unbeweglich, als hätte ich irgendetwas vergessen oder verpasst, das ich nicht hätte vergessen oder verpassen sollen. Und je öfter ich darüber nachdenke meinen vorherbestimmten Tagesablauf abzuarbeiten, umso festgefahrener fühl ich mich. Also bleibe ich sitzen, hier in meinem Peugeot, auf dem kunstledernen Sitz, vor dem Kino mit der Filmpremiere, neben der schäbigen Cafe-Bar und deren rubinroten Neonleuchten.

Plötzlich sehe ich wieder diese funkelnden Rubine vor meinen Augen und ich möchte sie ergreifen, aber ich bin zu klein, beziehungsweise sind meine Arme zu kurz, und ich komme nicht an sie heran. Ich sitze unten auf der Wiese und habe diesen Schatz direkt vor meinen Augen, und ich will ihn an mich reißen und mich an meiner Bewunderung über ihn ergötzen, aber ich komme einfach nicht heran. Also bleibt mir nichts anderes übrig als sie zu beobachten.

Ich drehe erneut den Zündschlüssel um und fahre zur Schule. Meine Freunde diskutieren wild über die Filmpremiere der letzten Nacht, was ich nur mit schweigsamen Nicken kommentiere. „Das nächste Mal bin ich sicherlich auch wieder dabei“ sage ich. Dann fängt der alltägliche Unterricht wieder an.

© P.Haupt, 2018

Rubine
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