Schweigen zu Laut ~ Lucio
Die Gäste, eine Prozession aus Stimmen und Hüllen. Leere Augen, die blicken, ohne zu sehen, wie blanke Fenster in verlassene Häuser. Große Münder, offen, laut, Lächeln, die nichts tragen außer Luft. Sie klappen auf und zu, Mechanik statt Gefühl. Die Gesten übergroß, wie flatternde Fahnen, doch ohne Botschaft, nur Bewegung im Raum, ein Schall, der nichts berührt. Kein Herz darin, nur das Poltern...
Leere und Lava ~ Lucio
In mir – ein Schwanken, wie Wasser, das nicht weiß, ob es stillstehen oder das Ufer überfluten will. Manchmal Leere, ein weißer Raum, so weit, dass selbst mein Atem darin verhallt. Ein Schutz vielleicht, ein dünner Schleier, damit nichts von draußen zu sehr in mich fällt. Doch dann wieder: ein Beben, ein dunkler Strom von Wut, der nicht hinaus darf, sondern gegen meine Rippen schlägt. Ohnmacht,...
Die Feier durch die Wand ~ Lucio
Heute war der Tag voller Stimmen, ein Fest für Mama, ein Strom von Gesichtern, Blumenarme, Schokoladenschachteln, übertriebene Lächeln, freundlich und doch scharf wie Glas. Die Wände sind dünn, durch sie sickert das Murmeln, es sammelt sich, rollt heran, eine Lawine aus Stimmen, die mich unter sich begraben will. Ich liege im Zimmer, die Tür ist geschlossen, mein Bett ein kleines Boot im...
No Future – die Lüge
„No Future“ – einst ein Punkparolen-Schrei, doch heute wirkt er leer und einerlei. Ein Slogan, laut, doch längst verflogen – der ist – wie vieles – verlogen. Auch wenn das Leben dich hart trifft und jede Hoffnung ist nur Pflicht, auch wenn du dich verloren fühlst und Schmerz dein Innerstes durchwühlt – es muss doch eine Zukunft geben, es gibt noch Sinn in diesem Leben. Ja, manches liegt im...
Die einzige Gerechtigkeit
Du liegst im Wald, spürst, wie die Jahre dich streifen. Ein Traum erhebt sich leise – du möchtest verweilen, möchtest nicht weiterreisen. Doch auch du wirst einmal verschwinden. Denn die einzige Gerechtigkeit, die kann keiner überwinden, ist das stille Von-uns-Gehen.
Wären wir Zauberer
Wären wir Zauberer Wären wir Zauberer, Von Zwängen ganz frei Und keine Zauderer Im ständigen Vielerlei, Dann wäre das schicklich Und wir wären glücklich. Manches Mal, glaube ich, Sind wir deshalb verdrossen: Man schaut nicht auf sich, Ist kaum glücksbegossen, Weil der Andere alles hat, Geld, Ansehen und Staat. Könnten wir wirklich sehen, Was wir schon alles haben, Gesundheit, Verstehen Und...
Die Anpassungsfähigkeit schwindet
Die Anpassungsfähigkeit schwindet Früher hat man sich sehr angepasst, Nicht nur alles gefordert als Kind, Kaum verlangt, dass man ständig bespaßt Mittendrin im Aufmerksamkeitswind. Man wollte von den Älteren noch etwas erfahren, Als Autoritäten noch Vorbilder waren. Heute lebt man auf dem Smartphoneeiland, Seltener redet man miteinander, Für so viele gibt es auch keinen Heiland. Mancher meint,...
Xenokratie
Ihr nennt es frei, ihr nennt es Staat – doch wer bestimmt, was Gültigkeit hat? Wer lenkt die Worte, die wir lesen, wer formt das Bild von Welt und Wesen? Es sind nicht Ketten, nicht das Schwert, das unser freies Denken still verwehrt. Es sind Institutionen, die uns formen, Medien, die Gedanken normen. Es sind Verbände, Wirtschaftsmächte, die uns beschneiden in den Rechten. Sie flüstern leise,...
Verliebt in Deine Augen
Verliebt in Deine Augen Deine Augen leuchten wie zwei Sterne hell, Werfen Wärme zu mir mit der vollen Kraft, Dass sie aufhelfen, mein Körper schnell Zu Dir sich dreht und Nähe schafft. Deine Augen, Frauchen, sie erstrahlen, Wenn die Hand zur richtigen Stelle gelenkt, Geräusche hier im Raum widerhallen, Weil die Liebe Zeit und Tiefe schenkt. Die ganze Seelenwelt steht uns jetzt offen, Wo Augen...
Eine tolle Frau
Eine tolle Frau In flachen Schuhen tanzt sie zu mir her Mit schönen Beinen, ach, wie die mich reizen! Sie kommt und lächelt dabei noch mehr, Mit Fraulichkeit muss sie nicht geizen. Das Haar ist üppig, wie ein Wasserfall Fällt es herab und sucht nach festem Halt. Um mich ist’s jetzt geschehen und im Fall Fängt sie mich auf, groß die Gestalt. Ich merke, wie sie mich heftig aufrichtet, Dadurch...
Lied vom wiederkehrenden Frühling
Es rauscht der Wald im jungen Frühlingswehen, der Morgen glänzt, als wär die Welt so neu. Ein Vogel singt, die Bäche lauter gehen, und jeder Halm wird voller Lieb’ und Treu. Der Himmel hebt sich auf in helle Weite, der Erde Herz schlägt warm im jungen Grün. Ein Blütenschnee fällt leis auf Weg und Seite, als wollt er uns des Himmels Gnade blühn. Was stumm und kalt im Winter niederdrückte, das...
Ode an den wiederkehrenden Lenz
Es bricht das Grün aus nächtlich tiefen Gründen, des Morgens Odem fließt so lind und sacht. Die Erde hebt ihr stilles Angesicht, als wollt sie neu die Schöpfung sich verkünden. Ein Vogelruf durchhallt die jungen Stunden, die Knospe springt, ein Bächlein silbern lacht. Im Himmelsbogen lodert lichte Pracht, und Schwere wird von goldnem Strahl entbunden. Was niederlag in winterlicher Stille,...
Abendschau
Sehr dezent fast transzendent Neigt sich das Licht im Okzident Und wiegt sich gar in Sicherheit Weil niemand es dran hindern könnt So wechselt Himmel von Zart-blau Zu malerischem Silber-grau Überführt das letzte Sonnenlicht In zahlenlose Sternenpracht Das Glitzern nun sogar betont Im Rampenlicht von Bruder Mond Durch sattes Schwarz wie Ewigkeit So wirkt der Kosmos wie befreit Wir selbst ganz...
Andere Orte
Ich bilde mir ein, Dass Wolken Polarlichter sind. Ich kann im Großstadthimmel Die Milchstraße erkennen. Ich sehe den Indian Summer, Wenn noch alle Blätter grün sind Und fühle die Herbst-Melancholie Noch vor dem ersten Regenfall. Es gibt keine Jahreszeiten Wenn ich im Sommerurlaub bin; Aber in Hamburg Durchleb´ ich jede einzelne fünfmal im Jahr. Ich träum´ mich an andere Orte, Erwecke tiefe...
Bedeutung
Was einem ein Mensch bedeutet, dafür findet man manchmal keine Worte... ...und gerade in diesem "keine Worte finden" liegt diese Bedeutung geborgen. © A. Namer
Unsichtbar und nah
Ich lebe in einer Welt aus Glanz und Lärm, doch mein Herz bleibt dem Unsichtbaren warm. Nicht Geld, nicht Macht, nicht schneller Gewinn – mein Glaube trägt, wo ich selbst nur bin. Man nennt mich träumerisch, vielleicht naiv, doch ich weiß, was mich im Innersten rief. Wenn alles fällt, bleibt er mein Licht: ein Gott, der spricht, schweigt – und nicht zerbricht.
Der DDR-Musiker und ich
Ich fahr am Abend durch die Stadt, die Straße glänzt, ist feucht und glatt. Ein DDR-Musiker winkt mir zu, ich halte – und nehme ihn mit im Nu. Wir fahren Richtung Hotel Strauß, die Stimmung ruhig, fast wie zu Haus. Auf einem Parkplatz, still und leer, reden wir – das wiegt umso mehr. Er sagt, dass es ihm hier nicht gefällt, dass Freiheit oft nur Fassade hält. Ich sag: „Doch vieles ist hier frei“...
Es mehren sich
Es mehren sich Es mehren sich die Zeichen, Dass Teile unserer Menschheit Auf die Steinzeit zurückfallen, Wenn Sittengesetze weichen Und viele Verluste an Freiheit Despotischen Mächten gefallen. Technisch sind wir auf höchstem Niveau, Doch auch da verbergen sich Zwangsnischen, Deren Absicht und Idee teuflischer Appell. Wird unser Menschsein dadurch froh, Wenn mit verdrängtem Wegwischen In...
Frauen sind heute freier
Frauen sind heute freier Frauen sind heute freier, Denn die Pille gibt ihnen die Gewähr, Dass sie nicht in alter Leier, In ewiger Schwangerschaftsgebär. Würde ihnen diese Freiheit genommen, Weil es um Hegemoniemehrung geht, Werden zu viele Menschen erdnah kommen, So dass dadurch alles Leben vergeht. Gäben wir überall den Frauen das Recht, Über Schwangerschaften selbst zu entscheiden, Würde man...
Der einsame Vampir
Wenn ich erwache, stehen die Sterne günstig. Es ist Mitternacht, mein Herz schlägt unruhig. Ich steig aus meinem Sarg, die Zähne noch zu schärfen, schleiche durch den Park, alle schlafen, keiner merkt es. Da sitzt ein junges Mädchen, ihr Atem tanzt im Mondlicht. Ich möchte sie nicht verletzen, nur teilen, was in mir brennt. Ich schaue ihr in die Augen, ein leiser Wunsch, ein Biss – kein Schmerz,...
Vorurteile zur Zeit
Es klingt neu, doch alt ist das Geschehen, wie Menschen voreilig im Urteil stehen. Wer keinen Job hat, gilt schnell als faul, wer anders denkt, der stört die Moral. Wer leise lebt, den nennt man schwach, wer widerspricht, der sucht den Krach. Wer Leder trägt, sei voller Gewalt, wer sich still verhält, wirkt schon kalt. Doch wer nicht passt, gehört nicht dazu, solche Parolen rauben die Ruh. Denn...
Ein Fremdling bin ich immer noch
Ein Fremdling bin ich immer noch In die fremde Welt geworfen werden wir alle, Aus Unbekanntem kehren wir ins Unbekannte zurück. Wenn es gut läuft, verliert das Böse seine Kralle Und im Dazwischen erwartet uns Menschenglück. Dem Suchen wie dem Finden immanent Lockt mit Befreiung unser Liebessehnen, Weil das Suchen seine Ziele ja kennt Und unsere Wünsche sich daran lehnen. Das Fremdeln aber...
Ich finde Leute
Ich finde Leute Ich finde Leute suspekt, Die sich nur für den Unterleib interessieren. Kann das denn ohne Respekt Den Tag ins Glücksempfinden führen? Wir alle haben es doch in der Hand, Uns zu unserem Zentralgestirn hinzuführen Mit viel Hirn, mit Sitte und Verstand, Um den fairen Zugang zur Liebe zu spüren. Wir alle haben als Auftrag es mitbekommen, Uns aus unmöglichen Zwängen zu befreien. Von...
Zwischen Gassen und Gewitter
Ich liebe Städte, ihr Flüstern im Wind, die flackernden Lichter, das Leben ist geschwind. Doch manchmal, ganz leise, zieht etwas mich fort— ein Schatten, ein Schrei, ein verstörter Ort. Ein Sonntag, verregnet, im Spätsommergrau, wir fuhren durch Straßen – kein Himmelsblau. Ein Viertel, das fluchte in rostigem Ton, wo Hoffnung zerbrach und Misstrauen wohn’. Ein heruntergekommenes Lokal im fremden...
Diese Stadt
Diese Stadt riecht nach Benzin, nach Asphalt, laut und gemein. Kein Grün, kein Wald, kein stiller Ort – nur Lärm und Menschen, immerfort. Bar an Bar, das Licht ist grell, Kneipe an Kneipe, laut und schnell. Ich bleibe hier, ich mag das Spiel, die Nacht, den Rausch, das schnelle Ziel. Ich liebe das Tempo, den urbanen Klang, die Frauen, den Flirt, den kurzen Drang. Ich tauche ein, ich geh nicht...
Ich liebe
Ich liebe Ich liebe die Menschheit immer noch, Aber immer weniger kann ich verstehen, Dass Tricksereien werden zum Joch, Wenn immer weniger Helllicht zu sehen. Wo findet sich noch eine faire Vernunft, Wo lebt noch auf der Menschenverstand, Welche uns öffneten früher die gute Zukunft Und führten zur Humanität so unsere Hand? Immer noch liebe ich Menschen, die mir nah Und mir gute Wege zur Rettung...
Das Warten
Das Warten Das Warten treibt mein Herzklopfen In immer weitere Liebeshöhen, Will weder Malz noch den Bierhopfen, Von Sehnen ist nicht abzusehen. Dann kommt sie doch, ein wenig bang Ist mir, sie hat sich sehr verspätet. Dafür habe ich mir wochenlang Dieses Moment ja hergebetet. Das Warten hat sich schon gelohnt, Vor mir steht sie mit ganzer Schönheit, An die ich längst medial gewohnt: Das...
Angebliche Freunde
Wenn ich mein Leben still betrachte, spür’ ich, wie sich Bitterkeit entfacht. Die meisten, die sich Freunde nennen, sind selten ehrlich, sich mir zu bekennen. Sie haben Zeit, doch nur für sich – ihre Ausreden ermüden mich. Sie kommen nur, wenn sie was brauchen, ruft man sie, hört man ihr Schweigen hauchen. Sie sind verschwunden, wenn man sie bittet, und ihre Treue – längst verwittert. Du kennst...
Der Idiot
Ich bin der Narr in deinem Spiel, zahl deinen Preis und zahle zu viel. Ich trag die Last, die du verheimlichst, auch wenn dein Handeln ist schleimig. Ich kehr den Staub aus deinem Blick, verlier mich selbst in fremdem Glück. Du nimmst, du forderst, bleibst bequem – mein Herz erstickt in deinem System. Du zählst dein Gold, ich zähl die Stunden, mein Leben rinnt in deine Wunden. Du lachst, ich...
Er ist ganz und gar
Er ist ganz und gar Er ist ganz und gar Wunsch ihres Bildes, Im Alter gleichen sich Physiognomien an. Das alles hat dann wieder etwas Mildes: Zum Augenstern werden Frau und Mann. Sieh‘ Dir nur die Hochzeitsbilder an Und schau auf Paare nach viel Jahren. Oftmals glaubt man mitunter dann: Zwei Gleiche stehen in grauen Haaren. Es ist des Glückes angleichender Tribut, Dass ausgleichend sich Partner...